Ein Erlebnisbericht
Garstiger kann ein Samstagmorgen kaum sein: der Himmel grau und griesgrämig, dazu starker Dauerregen und Temperaturen, die niemanden an einen goldenen Herbsttag denken lassen. Und da soll man nun – fragt sich ein Mitglied des OK's Kleinkunstrallye Winterthur – tatsächlich frühmorgens um 10.00h in der Altstadt sein und mit einem Publikum, welches sich vermutlich aus 2-3 unerschrockenen Kulturfreaks zusammensetzt, von Bühne zu Bühne marschieren? Man soll! so der mutige Entscheid. Schliesslich hat auch ein kleinstes Publikum Aufmerksamkeit verdient.
Kurze Zeit später das erste Staunen: Mit frohem Lachen, dick eingemummt und gut geschützt unter farbigen Regenschirmen steht ein beachtlich grosses Menschengrüppchen am tiefen oberen Graben und wartet auf den Start der ersten Winterthurer Kleinkunstrallye. Wunderbar! Diesen Sieg trägt die Kleinkunst davon, der Regen hat das Nachsehen.
Pünktlich um 10 Uhr eröffnet Organisator Pascal Mettler dann die erste Tour mit launigen Worten. Die Stelzergruppe Gangart hätte absagen müssen, Stelzen und Kostüme hätten dem Nass nicht standgehalten. Er hingegen, mit Veloregenschutz und Bauhelm, sei wetterfest und nicht zu übersehen. Entsprechend einfach sei es, ihm während der heutigen Rallye einfach zu folgen, von Kulturort zu Kulturort, durch Winterthurs Schluchten und Gräben.
Der erste Spaziergang führt ins Stadthaus. Im Foyer begrüsst Cornelia Königslehner im Namen des Musikkollegiums Winterthur die Anwesenden. Anschliessend gibt ein Horn-Quartett mit herbstlichen und weihnachtlichen Klängen einen ersten Vorgeschmack auf den nahenden Winter.
Nach gut 15 Konzertminuten kündet der Bauhelm den nächsten Spaziergang an: Man vermeide besser die Schlucht der Märkte, sondern schlendere gemütlich auf der rechten Seite der Stadthausstrasse ins Casinotheater Winterthur und treffe sich dort unter dem schützenden Dach, wird geraten.
Es scheint, der eine und andere Regenschirm hätte sich unterwegs dazugesellt. Jedenfalls ist der Eingangsbereich im Casinotheater mit gut 60 Rallye-Teilnehmenden dicht besetzt, als der künstlerische Direktor Paul Burkhalter das Publikum begrüsst und den Satiriker Andreas Thiel ankündigt. Letzterer sorgt nun während 15 Minuten für lautes Lachen, verschämtes Grinsen und begeistertes Staunen. Wenn einer so frech behauptet (und absolut nachvollziehbar begründet), weshalb der Kunstraub in Zürich nur – wirklich nur! – den Hugenotten angelastet werden könne, wenn er vor den Atheisten als gefährlichste Glaubensgemeinschaft warnt und zudem bilderbuchartig die Schweizer Satiriker bemitleidet, weil diese in den engen Landesgrenzen einfach zu wenig Futter für ihr Handwerk fänden, dann ist jede Müdigkeit verflogen und jeder Espresso vergessen.
Froh gelaunt überquert die Rallye danach den Stadthaus-Kanal und nimmt Kurs auf das Theater Winterthur, erstmals diesen Morgen übrigens ohne Regenschirm. Im Foyer stehen einige Reihen roter Stühle, die in Windeseile bis auf den letzten Platz und darüber hinaus besetzt sind. Der Kaufmännische Leiter Ernst Jäggli begrüsst das zahlreiche Publikum und weist augenzwinkernd darauf hin, dass auch im grössten Gastspielhaus der Schweiz die Kleine Kunst hoch willkommen sei. Das Duo Knuth und Tucek lässt in der Folge keinen Zweifel an dieser Aussage. Die beiden Frauen, gesangsstark und komödiantisch, bitterbös und honigsüss, Olga Tucek zudem virtuos am Akkordeon, begeistern auch den letzten Morgenmuffel. So macht Kleinkunst einfach Spass!
Kurz vor 12 Uhr steht dann die letzte Etappe auf dem Programm: In der Villa Sträuli begrüsst Gabriele Huggenberg die zahlreichen Gäste und wünscht viel Vergnügen mit dem Duo Mat Callahan & Yvonne Moore. Nach Klassik, Satire und dem Heimatfilmtheater von Knuth und Tucek kommen die Anwesenden nun in den Genuss von echten amerikanischen Folk-Songs, dargebracht mit grosser Hingabe und viel Temperament. Yvonne Moore begeistert mit ihrer warmen Stimme und der theatralischen Umsetzung ihrer Song-Inhalte, Mat Callahan traktiert seine Gitarren schwungvoll und schwitzt – wie Yvonne grinsend erwähnt – im Doppelpack für zwei.
Nach einigen Zugaben und begeistertem Applaus geht diese 1.Tour der 1. Winterthurer KleinKunstRallye zu Ende. In nur gerade zwei Stunden wurde nicht nur die Vielfalt der Kleinkunst präsentiert, sondern auch der Reichtum der Winterthurer Kulturszene sichtbar gemacht. Die am Nachmittag folgenden zwei Touren bestätigten dies eindrücklich. Insgesamt genossen mehr als 200 Kulturinteressierte die drei Rallyes, ein gutes Dutzend Unentwegter liess es sich nicht nehmen, gar an allen drei Rundgängen mitzumarschieren.
Dass die Kleinkunstrallye ein gemeinsames Projekt fast aller Winterthurer Kulturbetriebe ist, liess manch einen Teilnehmer staunen; üblicherweise steht Konkurrenzverhalten der einzelnen Betriebe solchem Tun im Wege.
Dass Migros Kulturprozent im Rahmen des ausgeschriebenen Wettbewerbs zum Schweizerischen Kleinkunsttag diesem Projekt den 1.Preis verlieh, zeugte dagegen von sicherem Gespür: Die Winterthurer Kleinkunstrallye begeisterte trotz misslichsten Wetterbedingungen von A-Z und stiess beim Publikum auf grosses Interesse.
Ein schöner Erfolg mit einem wohl unumgänglichen Fazit: Fortsetzung folgt!
Bea König
Kommunikation
Theater Winterthur